
Wenn das Moor zum Filter wird
Wäre die Ostsee ein Patient, sie wäre schwer krank. Das Ökosystem leidet unter den Auswirkungen des Klimawandels und den zu hohen Nährstoffgehalten. Soll die Ostsee gesunden, müssen vor allem weniger Nährstoffe von Land in das Meer gelangen. Weil küstennahe Feuchtgebiete wie ein großer Filter wirken, erscheint deren Wiedervernässung dafür als ein besonders aussichtsreicher Ansatz. Im Experimentierfeld Gesunde Ostsee wollen wir diesen am Beispiel des Greifswalder Boddens untersuchen.

„Der Greifswalder Bodden ist die wichtigste Kinderstube des Herings der westlichen Ostsee. Der Fisch war einmal der Brotfisch der regionalen Küstenfischerei. Inzwischen gibt es durch Klimawandel und hohe Nährstoffeinträge immer weniger Nachwuchs. Die Fischerei ist daher fast ganz eingestellt. Wenn es uns gelingt, in diesem begrenzten Gebiet die Nährstofffrachten von Land deutlich zu reduzieren und damit der Ostsee zu helfen, hat die Küstenfischerei eine Chance. Der Heringsbestand kann sich dann erholen.“
Prof. Dr. Maraja Riechers, Transformationsexpertin

Der Greifswalder Bodden im Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns steht beispielhaft für die ökologischen und sozialen Herausforderungen des Ostseeraumes. Als Kulturraum spielt die Region eine bedeutende Rolle für Fischerei, Tourismus und regionale Identität. Als Ökosystem ist das klar begrenzte Meeresgebiet vor allem bedeutsam als Laich- und Aufwuchsgebiet vieler Fischarten. Das Ökosystem Ostsee steht allerdings unter Druck: Hohe Nährstoffeinträge von Land und die Folgen des Klimawandels sorgen unter anderem für einen Rückgang der Fischbestände – etwa beim Hering der westlichen Ostsee, der vor allem im Greifswalder Bodden laicht.
Bisherige Ansätze, den Zustand der westlichen Ostsee zu verbessern, konzentrieren sich vor allem auf naturwissenschaftlich-technische Maßnahmen. Allerdings kann beispielsweise die Fischerei nicht noch weiter eingeschränkt werden, um der Ostsee zu helfen. Gelänge es jedoch, die Nährstoffeinträge dauerhaft zu reduzieren, hätte dies unmittelbar positive Auswirkungen auf das Ökosystem und damit auf den Fischbestand.
Weniger Stickstoff von Land, mehr Sauerstoff in der Ostsee
Zur Verringerung der Nährstoffeinträge gibt es verschiedene Ansätze: Landwirte könnten weniger Stickstoff und Phosphor auf Felder und Wiesen ausbringen. Eine konsequente Energiewende würde zur Reduzierung der Stickoxid-Einträge aus Verbrennungsprozessen führen. Diese quellbasierten Maßnahmen brauchen viel Zeit, bevor sie Wirkung im Meer zeigen. Forschende gehen davon aus, dass es mindestens zehn Jahre dauert, bis erste Effekte sichtbar werden.
Deshalb werden auch Maßnahmen untersucht, die wie eine Art großer Filter für das Oberflächenwasser funktionieren und dadurch direkte Nährstoffeinträge ins Meer verhindern. Solche Filterfunktionen erfüllen beispielsweise küstennahe Feuchtgebiete. Im Einzugsbereich des Greifswalder Boddens gibt es davon zahlreiche. Die meisten sind allerdings trockengelegt und werden landwirtschaftlich genutzt. Die Wiedervernässung einzelner Gebiete sowie der Anbau sogenannter Paludi-Kulturen werden derzeit erprobt. Gelingen die Versuche, wäre nicht nur dem Klima geholfen – nasse Moore speichern enorme Mengen an Kohlenstoff. Auch das Ökosystem Ostsee würde profitieren, weil die Nährstoffe im Filter hängen bleiben. Effekte könnten vermutlich schon ungefähr drei Jahre nach der Wiedervernässung eintreten.